Zwischenbericht - EVS in Norwegen
Karl Meyer, 20 Jahre alt, Europäischer Freiwilligendienst in Vinstra, Norwegen
Es sind mittlerweile circa fünf Monate vergangen, seit ich im Oktober 2018 mein europäisches Freiwilligenjahr in Norwegen begonnen habe. Das Projekt, mit dem ich insgesamt zehn Monate im ländlich gelegenen Ort Vinstra verbringen werde, ist von der Organisation Ung i Midtdalen organisiert. Der Name bedeutet übersetzt “Jugend in Midtdalen” und beschreibt die Funktion der Organisation recht gut, da ihre Hauptaufgaben im Engagement mit lokaler Jugend liegt, wobei auch ein Fokus auf internationale Erfahrungen gelegt wird, wie zum Beispiel Schüleraustausche, Reisen mit kleineren Jugendgruppen und auch das EVS, in dem ich mich derzeit befinde.
Meine Zeit hier ist bis jetzt nahezu durchgehend durch positive Erfahrungen geprägt, sei es innerhalb meiner Freiwilligenarbeit oder außerhalb, im Kontakt mit Norwegen und seinen Einwohnern. Ich lebe in einem schönen Apartment am Rande Vinstras zusammen mit einer französischen Freiwilligen namens Manon, mit der ich auch alle meine Aufgaben teile. Wir verstehen uns sehr gut, kochen, reisen und verbringen generell viel Zeit zusammen und sind uns einig, dass es für uns bis jetzt sehr hilfreich war, einen anderen Freiwilligen bei sich zu haben, um das EVS und Norwegen so erfolgreich wie möglich zu erleben.
Unser wöchentlicher Arbeitsplan besteht aus vier Nachmittagen in so genannten Ungdomsklubbs, Jugendclubs, in denen Jugendliche von circa 13-18 Jahren komplett freiwillig und schulunabhängig die Möglichkeit haben, ihre Freizeit so zu gestalten, wie sie möchten. Zwei von diesen Nachmittagen arbeiten wir in Vinstras Ungdomsklubb mit durchschnittlich ca. 80 Jugendlichen, die anderen beiden fahren wir in den Nachbarort Ringebu und arbeiten dort mit etwa 40 Jugendlichen. Unsere Hauptaufgabe in beiden Clubs ist, die Besucher zu engagieren und ihnen zu helfen, ihre zeit selbst positiv zu gestalten. Dies kann in der Form von geplanten Aktivitäten wie zum Beispiel Billiardturnieren oder Quizabenden geschehen, ist aber häufig auch spontaner und individueller, zum Beispiel bei spontanen Schachspielen, Videospiel-Herausforderungen oder wenn die Jugendlichen mir spaßeshalber lokalen norwegischen Dialekt beibringen. Weitere Aufgaben in den Clubs beinhalten das zubereiten und verkaufen von simplen Gerichten und organisatorische Aufgaben wie Entscheidungen, für was das Budget des Clubs genutzt werden sollte. Meine Aktivität in den Jugendclubs, wenn auch manchmal anstrengend, fällt mir normalerweise ziemlich leicht, da viele der Jugendlichen sehr interessiert daran sind, mit mir Kontakt aufzunehmen und mich generell in Aktivitäten mit einbeziehen. Eine große Hilfe hierbei sind meine Mitarbeiter: Sowohl meine Mitfreiwillige als auch unsere “Vorgesetzten”, die norwegischen Angestellten in den Clubs, sind alle sehr kooperativ und wir verstehen uns sehr gut. Der Leiter des Clubs in Vinstra hat uns sogar schon mehrmals zu sich eingeladen und wir genießen jeden Kontakt mit ihm.
Außerhalb der Ungdomsklubbs engagiere ich mich außerdem in der lokalen weiterführenden Schule, wo ich im Deutschunterricht helfe und derzeit auch einen Deutsch-Spanisch-Norwegischen Schüleraustausch mitorganisiere. Diese Aufgaben finde ich interessant, da ich vorher noch nie auf Deutsch als Sekundärsprache geguckt habe, und diesen Perspektivwechsel sehr genieße. Die Deutschlehrer der Schule sind immer sehr freundlich und dankbar für meine Mitarbeit, was mir meine Aufgaben erleichtert. Zu diesen beiden Aufgaben kommt ein Norwegischkurs für erwachsene Flüchtlinge und Migranten, den ich drei Tage pro Woche besuche und sehr genieße. Dies ist zum Teil, weil mich die Sprache interessiert und es mir leicht fällt, zu lernen, aber gleichzeitig genieße ich auch den Kontakt zu Flüchtlingen, welche sehr freundlich sind und eine äußerst spannende Perspektive auf das Leben in Norwegen bieten.
Mit all diesen Aufgaben ist meine durchschnittliche Woche hier in Norwegen recht voll und strukturiert, was für mich kein Problem ist. Die Zeit vergeht wie im Flug und trotz allem habe ich genug Freizeit um meinen Interessen nachzugehen. So habe ich über meinen Mentor Endre, ein Zwanzigjähriger, der sich in der lokalen Politik engagiert, ein paar norwegische Kontakte knüpfen können. Außerdem bietet Vinstras Umgebung hervorragende Skimöglichkeiten, die ich schon mehrmals genutzt habe und die noch bis April geöffnet bleiben, und ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio in Vinstra, was mir sehr wichtig ist. Durch das Anfangs- und Midtermseminar für EVS-freiwillige habe ich außerdem Kontakte in ganz Norwegen geknüpft, mit denen ich mich über meine Erfahrungen austauschen kann und die ich auch besuchen kann. So hatten meine Mitbewohnerin und ich in einer Ferienwoche im Februar die Möglichkeit, sehr weit nördlich nach Narvik zu reisen, um dort einen italienischen Freund zu besuchen. Die Reise war eine wunderbare Möglichkeit, mehr von Norwegens wunderbarer Natur zu sehen, und wir hatten sogar das große Glück, in einer sternenklaren Nacht Polarlichter sehen zu können. Abgesehen von dieser Reise haben wir auch ein vorweihnachtliches Wochenende in Trondheim verbracht, um den dortigen Weihnachtsmarkt und die Stadt zu erleben, und Silvester in Oslo gefeiert und dabei so viel Kultur wie möglich in drei Tage gepackt. Außerdem liegt Vinstra nicht weit von einem bergigen Nationalpark namens Rondane, in dem wir schon mehrere Male wandern waren. Wir nutzen also jede Gelegenheit, um so viel von Norwegen zu erleben wie möglich, sei es lokal oder weit entfernt.
Unter anderem dabei erfahren wir immer große Unterstützung von unserer Koordinatorin vor Ort, Mari. Sie hilft uns mit jeglichen Problemen und ist immer für uns da, und unsere Beziehung ist sehr positiv und offen. So bucht sie zum Beispiel Zugtickets für uns und gibt uns Auskünfte über alle lokalen Kultur- und Aktivitätsmöglichkeiten. Wenn größere Probleme mit meinem Aufenthalt entstehen würden, würde ich mich definitiv wohl fühlen, mich damit an sie zu wenden, doch das ist bis jetzt zum Glück noch nicht nötig geworden. Alles in allem fühle ich mich derzeit sehr wohl: Meine Aufgaben sind erfüllend, aber nicht zu anstrengend, meine Freizeit nutze ich so gut ich kann, und Heimweh ist für mich nicht wirklich ein Thema. Ich lerne viel und hoffe, über meine Arbeit auch einen Lerneffekt in den Menschen, mit denen ich arbeite, zu erzielen. Ich freue mich auf ein paar anstehende größere Projekte, die ich mitorganisieren werde, wie zum Beispiel ein Camping-Wochenende im Sommer, und auch privat freue ich mich auf weitere Reisen und Erfahrungen mit Norwegen und Norweger*innen.
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